Wo steht die Skulpturengruppe
Die Raubgruppe wurde Januar 15831 enthüllt und steht heute in der Loggia dei Lanzi, gegenüber Cellinis Perseus, auf dem Platz, auf dem bislang Donatellos Judith stand.
Die Figur besteht aus drei nackten, ineinander verschlungenen Figuren, die sich spiralförmig nach oben winden. Giambologna war von 1579-1583 mit der Skulpturengruppe beschäftigt.
Er wollte beweisen, dass er nicht nur gewöhnliche Marmor Figuren erschaffen konnte, sonder mehrere Figuren mit unterschiedlichen und schwierigen Posen in einer Gruppe miteinander
vereinen konnte. Um sein Geschick zu zeigen, gestaltete er in seinem Werk einen jungen Mann, der ein Mädchen mit großer Schönheit von einem schwachen alten Mann ergreift.
Die Skulpturengruppe weist typische Merkmale des Manierismus auf und trägt die Charakteristika der figura serpentinata. Giambologna wurde am Hofe der Medici zum bedeutendsten
Vertreter der Plastik des Manierismus.
Sein Vorbild war der berühmteste Sohn der Stadt: Michelangelo. Der Text beschäftigt sich mit der Kunst Giambolognas, seinem Leben und untersucht Begriffe wie Manierismus
und figura serpentinata. Es soll die Frage beantwortet werden, ob Giambologna als würdiger Nachfolger Michelangelos betrachtet werden kann, oder ob er es sogar geschafft hat,
mit seiner Kunst den grossen Meister zu übertreffen. Konnte er etwas übertreffen, was schon perfekt war? Kann ein Künstler besser sein als ein Michelangelo, dessen Statuen als
Inbegriff von Harmonie und Vollkommenheit gelten?
Biographie Giambologna
Giovanni da Bologna auch Giambologna, wurde im flämischen Ort Douai im heutigen Nordfrankreich im Jahre 1529 geboren. Über seine Jugend ist leider nur sehr wenig bekannt.
Giambologna reiste 15505 nach Rom, da er dort Meisterwerke der Antike und der Renaissance-Skulptur studieren wollte. Über Beziehungen mit Vecchietti kam Giambologna an den Hof des
jungen Prinzen Francesco de' Medici in Florenz und erhielt von diesem unter anderem den Auftrag für die Marmorgruppe "Samson und der Philister".
Von 1563-15665 erschuf Giambologna den berühmten Neptunbrunnen in Bologna und mit seiner Gruppe "Florenz triumphiert über Pisa" schafft er ein Pendant zu Michelangelos "Sieger".
Giambologna blieb für den Rest seines Lebens in Florenz und war am Hof des toskanischen Großherzogs Cosimo de Medici tätig. Seinen internationalen Ruf verdankt Giambologna Kleinbronzen,
welche die Medici auf diplomatischer Ebene an befreundete Fürstenhöfe verschenkten.
Palazzo della Signoria
Der Ort an dem die Skulpturengruppe Giambolognas aufgestellt wurde, ist die Loggia dei Lanzi. Diese befindet sich neben dem Palazzo della Signoria und war Amtssitz der
Prioren von Florenz, der sogenannten Signori. Auf dem Piazza befinden sich berühmte Werke wie die Gruppe "Herkules und Cacus" von Baccio Bandinelli, eine Kopie von
Michelangelos "David", die Gruppe "Judith und Holofernes" von Donatello und der schließlich der Neptunbrunnen von Ammannati. Neben dem Palazzo della Signoria, heute der Palazzo Vecchio, befindet sich die Loggia dei Lanzi. Diese Bezeichnung erhielt die Loggia, da unter Cosimo I. dort die Wache der Landsknechte aufgestellt war.
Diese halboffene Halle im Zentrum von Florenz diente für Kundgebungen und Empfänge7. In der Loggia dei Lanzi findet man unter der rechten Arkade die Marmorgruppe
"Raub der Sabinerin" von Giambologna und die Skulptur "Herkules und der Zentaur", auch von Giambologna. Des weiteren befindet sich dort die Skulptur Raub der "Polyxena von Pio fedi" und die Kopie der griechischen Gruppe "Aiax mit der Leiche des Patroklus". In der linken Arkade steht Cellinis berühmter "Perseus", der das Haupt der Medusa hochhält.
Das Zeitalter des Cinquecento
Im Zeitalter des Cinquecento begannen die Künstler allmählich die erzählerischen Inhalte ihrer Kunst als zweitrangig anzusehen. Nicht mehr allein der Inhalt oder
ein Mythos bestimmte die Darstellung in der Kunst. Man begann, die Kunst mit einer Mehrdeutigkeit zu erschaffen, anstatt sie mit einer eindeutigen individuellen
geschichtlichen Zuordnung darzustellen. Die Künstler nahmen sich vermehrt die Freiheit heraus, sich auch gegen die Regeln der Ikonographie hinwegzusetzen, wie
dieses z. B. Bandinelli getan hat, indem er die Grabmäler in Santa Maria Sopra Minerva in Rom so darstellte, als wenn die Heiligen den Päpsten übergeordnet wären.
Die Kunst im Zeitalter des Cinquecento wandelte sich dahingehend, dass der Künstler geneigt war, sein Werk zu schaffen, ohne dem Werk vorab einen Titel zu geben und es
erst danach benannte, oder gänzlich auf eine eindeutige Benennung verzichtete. Auch die Frauenraubgruppe von Giambologna wurde erst nachträglich bennannt9. Giambologna
war es wichtiger, die Vortrefflichkeit der Kunst zu zeigen und wollte primär kein Geschehen oder keine Handlung darstellen, sondern, wie Borghini (1584) bemerkte:
"solo per mostrar l´eccellenza dell' arte e senza proporsi alcuna istoria" 10.
Die Benennung der Skulptur
Erst als die Gruppe fast vollendet war und Francesco de' Medici die Gruppe besichtigte, habe man laut Borghini erst gemeinsame Überlegungen über das Bildthema angestellt.
Man benötigte einen Titel für die Skulptur, da im Jahre 1583 keine Staute ausgestellt werden konnte, ohne einen Titel zu tragen. Der ursprüngliche Vorschlag war,
in der Figur den Raub der Andromache durch ihren Onkel Phineus verbildlicht zu sehen. Dagegen gab es jedoch mehrere Einwände und so entschied man sich für den
Vorschlag Borghinis, die Skulptur "Raub der Sabinerin" zu nennen. Giambologna habe bei der Benennung eher eine passive aktive Rolle übernommen und die Titelgebung
anderen überlässen.
Der Manierismus
Das Wort Manierismus stammt von dem italienischen Wort maniera, was "Stil oder Art und Weise bedeutet. Der Manierismus entstand in Italien und hatte seine Zentren
in Florenz, Venedig und Rom, verbreitete sich aber auch in Deutschland, Frankreich, Spanien und den Niederlanden. Giorgio Vasari hat den Begriff Manierismus eingeführt,
um den Stil des späten Michelangelo zu charakterisieren, und wurde auf dessen Nachfolger verallgemeinert.
Die Künstler des Manierismus bemühten sich, ihre Werke so zu gestalten, dass der Betrachter die Statue umschreiten muss, um sie wirklich zu erfassen. Die Statue sollte von allen
Seiten her gleichwertig sei. Giambolognas "Raub der Sabinerin" galt als Paradebeispiel einer solchen Skulptur11. Der Manierismus bevorzugte das Komplizierte, Raffinierte
und Ausgefallene und erfüllte mit seinem Prunk aufs Beste das Repräsentationsbedürfnis der Fürsten und Patrizier. Daher gelangte auch das Kunsthandwerk in dieser Epoche
zu höchster Blüte. Vasari teilte die Kunst, die sich nun ins Stadium ihrer Perfektion nähert in eine neue Kategorie ein. Die Kategorie der Grazie ist für ihn ein neues
Merkmal eines Epochenstils12. Giambolognas "Raub der Sabinerin" wird als eine figura serpentinata, welches ein charakteristisches Merkmal für den Manierismus ist, gesehen.
Die figura serpentinata
Der Begriff figura serpentinata kommt vom lateinischen serpens und bedeutet Schlange. Es bezeichnet eine gewundene, gemalte oder plastisch ausgeführte Figur13. Lomazzo
schreibt in seinem Trattato von 1584, dass Michelangelo seinen Schülern folgenden Rat gab:
"dass man eine Figur immer pyramidal, in sich gedreht und schließlich mit einer, zwei oder drei [...] weiteren Figuren kombinieren sollte. Eine Figur gelangt zu höchster
Anmut und Ausdrucksstärke, wenn sie in Bewegung gezeigt wird".
Die Figuren waren bislang nicht auf eine Vielschichtigkeit ausgelegt, sondern hatten vorwiegend eine Hauptansicht, ähnlich wie man dieses bei den Figuren
"Cacus und Herkules" von Baccio Bandinelli sehen kann. Dass man sich aber Zeitalter des Cinquecento mit der Vielsichtigkeit beschäftigte und der Meinung war, dass eine Statue
anatomisch korrekt und vollrund gearbeitet sein sollte. Frühe Darstellungen solcher geschraubten Figuren stammen bereits von Leonardo da Vinci, Raffael und Michelangelo.
Für Vasari war der "Baccus" von Bargello das Paradebeispiel einer vielansichtigen Figur:
"Sie biete von jeder Seite einen harmonischen Anblick, die Gliedmassen seien wohlproportioniert und dem Körper sehr gut angefügt. Auch erscheine die Haut weich und lebendig,
ganz anders als der Stein eigentlich ist, aus dem die Skulptur gemacht ist".
Den damaligen Bildhauern war die Vielansichtigkeit aber beileibe nicht das alles beherrschende Gestaltungsprinzip, sondern nur eines von mehreren. Entscheidend waren korrekte
Anatomie, Naturnachahmung und Beherrschung des Werkstoffs. "Man mag diese Gruppe von allen Seiten betrachten: allenthalben der gleiche schraubig schwingende Aufbau der Linien und
Flächen".
Borghini beschreibt in einem Traktat an Vasari: "Die Allansichtigkeit als vollkommene Naturnachahmung: "Wenn ein Bildhauer alle Teile seiner Figur in vollkommener Nachahmung der
Natur forme, müsse doch die Figur von allen Seiten gleich schön werden, weil ja ein schönes nacktes Modell von allen Seiten schön sei".
Des weiteren bezeichnete Borghini es als Unsinn, eine bestimmte Anzahl von Ansichtsseiten festzulegen, weil "ja jede Bewegung des Betrachters die Ansicht der Skulptur verändert.
Borghini ist der Ansicht, dass es nicht möglich ist, eine bestimmte Anzahl von Ansichtsseiten festzulegen, da "ja jede Bewegung des Betrachters die Ansicht der Skulptur verändert".
Shearman ist sich sicher, dass die figura serpentinata eine Erfindung Michelangelos ist und als Beweis dient ihm der "Sieger", den Michelangelo 1527-1528 für das Grabmal Julius II.
schuf.
G.1.1. Die Vorgänger und Motive
Als unmittelbarer Vorgänger gilt eine, im Jahre 1579 von Giambologna erstellte Bronzegruppe. Diese stellte auch eine Raubgruppe dar und erhielt nach ihrer Erstellung ebenfalls den
Titel "Raub der Sabinerin". Giambologna wurde vermutlich von berühmten antiken Skulpturen aus Rom, wie auch durch Michelangelos Werke bei der Erschaffung seiner vielansichtigen
Werke beeinflusst. Michelangelos schuf Figuren, die im Vergleich zu antiken römischen Skulpturen, oft nur eine Einzelansicht boten, er jedoch stapelte bereits die Figuren übereinander. Giambologna führt diese Idee der Mehransichtigkeit fort, verbindet seine Figuren miteinander und arbeitet noch mehr Unterhöhlungen in seinen Skulpturen ein.
Literaturverzeichnis und Quellen
Borghini, Der Brief Borghinis vom 5. August 1564 abgedruckt in: Frey, Karl: Der literarische Nachlaß Giorgio Vasaris, München 1929-1930, Bd. II, S. 93.
Borghini, Raffaillo, Il Riposo, Florence 1584.
Giorgio Vasari, Der Nachlass Giorgio Vasaris, Bd. II, München 1929-1930.
Gian Paolo Lomazzo: Trattato dell´arte della Pittura, Milano 1584 in Scritti sulle arti Vol. II, Roberto Paolo Ciardi, Florence 1974.
Vicenzio Borghini, Selva di notizie, MS. K 78, (16), IV. Nr. 60765 im Kunsthistorischen Institut Forenz. Der Text publiziert von Barocchi 1998.
Charles Avery, Giambologna, The complete sculpture, Oxford 1987.
Charles Avery, Giambologna versus Michelangelo, Skulptur im Zeitalter des Manierismus, Übersetzung aus dem englischen von M. Mimming, in: Giambologna in Dresden.
Die Geschenke der Medici, Dresden 2006.
Charles Avery, Adriaen de Vries and Giambologna: The model becomes the statue, in: The Sculpture Journal, VI, 2001, Übersetzung aus dem englischen von M. Mimming,
in: Giambologna in Dresden. Die Geschenke der Medici, Dresden 2006.
Claudia Kryza-Gersch, Giambologna - Versuch einer Annäherung an ein Genie, in: Giambologna, Triumph des Körpers, hg. von Wilfried Seipel, Ausstellungskatalog des
Kunsthistorischen Museums Wien 2006.